Die Heilige Tradition und ihr Verhältnis zur Heiligen Schrift

Wir freuen uns, hier einen Gastbeitrag von Vr Nil Lacarenko veröffentlichen zu können. 

Im Laufe der westlichen Kirchengeschichte wurden die Begriffe „Heilige Schrift“ und „Tradition“ gegeneinander ausgespielt. Spätestens seit der Zeit der Reformation, rückte die Frage nach der Quelle (bzw. Quellen) der Offenbarung in die Mitte der theologischen Diskussion. In der orthodoxen Kirche dagegen gab es nie ein Phänomen, das mit der westlichen Reformation vergleichbar wäre. Die Frage nach der „sola scriptura“ wurde nie pointiert formuliert. In der Tat hat Johannes Chrysostomus, ein hochverehrter orthodoxer Heiliger und Kirchenlehrer gesagt, daß ein Christ nichts außer der Heiligen Schrift brauche, um den Willen Gottes zu kennen und zu tun. Aber es ist ihm bestimmt nie eingefallen, sich auf den Weg zu begeben, für den Martin Luther sich 1100 Jahre später entschied. Versuchen wir uns daher von der herkömmlichen westlichen Fragestellung zu distanzieren, um den orthodoxen Ansatz in seiner Eigenart zu verstehen.

Was ist Tradition?

Das Wort „Tradition“ kommt vom Lateinischen „tradere“,was „überliefern, weitergeben“ heißt. Wir finden eine Tradition, eine Weitergabe bereits in der Heiligen Dreiheit, so zum Beispiel im Bezug auf das trinitarische Leben: „Wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, Leben zu haben in sich selbst“ (Joh 5:26), oder im Bezug auf die Heilsökonomie: „der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben“ (Joh 5:22). Kurz vor seinem Tod betet der Herr Jesus Christus: „Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche, wie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, daß er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe“ (Joh 17:1-2) und etwas später: „Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und haben geglaubt, daß du mich gesandt hast“ (Joh 17:8). In den evangelischen Berichten über die Taufe Jesu lesen wir vom Heiligen Geist, der auf ihn herabstieg (z.B. Joh 1:32). Nach seiner Auferstehung haucht der Herr die Apostel an mit den Worten: „Empfanget den Heiligen Geist“ (Joh 20:22). Derjenige, der während seines öffentlichen Wirkens den Menschen Sünden erlassen hat, sagt jetzt zu den Aposteln: „Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wenn ihr sie jemandem behaltet, sind sie ihm behalten“ (Joh 20:23). Kurz gefaßt: der Sohn gibt weiter an seine Kirche, an die Gläubigen, das göttliche, ewige Leben, die Wahrheit der Offenbarung („die Worte“ vom Vater), den Heiligen Geist und die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Nicht nur der Sohn, sondern auch der Geist nimmt an dieser Weitergabe teil: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14:26) und weiter: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das kommende wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen“ (Joh 16:13-14). Sowohl der Sohn, als auch der Geist „geben weiter“ an die Menschen. Nach der orthodoxen Auffassung besteht der Sinn des menschlichen Lebens allgemein und das Heil jedes Einzelnen darin, sich für die göttliche „Weitergabe“ empfänglich zu machen, sich als ein Glied in die göttliche Kette einzufügen, damit das Leben Gottes uns ernähre, wie der Saft aus der Wurzel die Zweige einer Pflanze ernährt.

Wie nährt uns das Leben Gottes?

Betrachten wir die Apostel, Menschen, die Jesus Christus leiblich gesehen haben. Man könnte sagen, daß die Weitergabe Jesu an die Apostel vor seiner Himmelfahrt und dem Pfingsten bestand in 1) seiner leiblichen Gegenwart, 2) dem Beispiel seines Lebens, und 3) seiner (mündlichen) Lehre. Solange Jesus mit seinen Jüngern im Fleisch verkehrte, waren die Heiligen Schriften der Juden für die Apostel in so fern wichtig, daß sie einen notwendigen Hintergrund bildeten, vor dem Jesus seine neue Lehre verkündete. Aber trotz dem dreijährigen Umgang mit Jesus, ihren Kenntnissen der Schriften und ihrer messianischen Hoffnungen, blieben die Jünger bis zur Auferstehung noch unverständig und unerneuert. Die geistliche Erneuerung und die vollständige Erleuchtung erreichten die Jünger erst am Pfingstfest, das den Endpunkt und das Ziel der Heilsökonomie bildet. Man kann sagen, daß am Pfingsten die göttliche Gabe der Kirche vollkommen überliefert wurde. Durch die Ankunft des Geistes wurde die Kirche geboren, die Jünger wurden mit dem Sohn Gottes eins, sie wurden zu seinem Leib. Ab jetzt geben die Apostel, die ersten Jünger, die Gabe des göttlichen Lebens an die anderen weiter. Nicht daß Gott sich aus der Welt entfernt hat, sondern er wirkt in seinen Gläubigen und durch sie. Die Apostel führen das Werk Gottes fort durch 1) ihr inspiriertes Wort, 2) das Beispiel ihres veränderten Lebens, 3) ihr Gebet, und 4) die Sakramente (von denen die Taufe, die Eucharistie, die Handauflegung und die Krankensalbung im Neuen Testament als Kanäle des göttlichen Lebens und des Heiligen Geistes erwähnt sind). Seit Pfingsten existiert die Kirche ohne eine Unterbrechung, das heißt die Gnade des Geistes wird immer weiter an unzählige Gläubige gegeben. Man muß sich diesem Fluß anschließen, um des Geistes teilhaftig zu werden. Die Heilige Tradition ist nichts anderes als Leben des Heiligen Geistes in der Kirche. Die Heiligen Schriften des Neuen Testamentes müssen in diesem Zusammenhang verstanden werden. Sie sind Früchte des neuen Lebens, die sich seit Pfingsten in der Kirche manifistiert. Sie sind von der Kirche geschrieben, durch die kirchlichen Konzilien von den nicht inspirierten Schriften abgesondert, durch heilige Menschen ausgelegt und von der Gesamtheit der Gläubigen angenommen. Es gab eine Zeit, als die Kirche noch kein Neues Testament hatte, sie ist nicht für ihre Existenz auf eine Sammlung von Heiligen Schriften angewiesen. Das Neue Testament aber ist ohne Kirche undenkbar. Andere Blüten des Geistes sind: heilige Menschen, liturgische Texte, Kirchenkunst, insbesondere die Ikonen, Glaubensbekenntnisse, Entscheidungen der ökumenischen Konzilien, Schriften der Heiligen Väter und sogar fromme Bräuche. Ein orthodoxer Christ lebt in der Kirche wie in einem Garten mit verschiedenen Fruchtbäumen, die Gott für ihn gepflanzt hat. Deshalb erscheint ihm die Fragestellung „Schrift oder Tradition“ oder sogar „sowohl Schrift als auch Tradition“ als fehlerhaft. Denn er meint mit „Tradition“ ein neues Dasein, das Leben in Christo ist, und die Heiligen Schriften sind ein Erzeugnis dieses Lebens, also ein Teil der Tradition oder eine (wenn auch die wichtigste) Ausdrucksform davon.

Kommentar

* Pflichtfeld