Ist die Ehe ein Joch?

Ein unverzichtbares Bibelwort für Trauungen in West und Ost ist das Wort aus Mt 19:6: Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. In Mk 10:9 finden wir eine Parallele dazu.

Das griechische Wort συζεύγνυμι wird in fast allen deutschsprachigen Übersetzungen mit zusammenfügen übersetzt. Ausnahmen sind die Basis-Bibel: Was Gott so verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen, und die Einheitsübersetzung 2017: Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Nur die Übersetzung von Jantzen Das Neue Testament in deutscher Fassung, eine Übersetzung aus dem Textus Rezeptus von 2007, erwähnt in der Fussnote: eigtl. zusammenjochen. So haben wir auch im BTD übersetzt: „Was nun Gott zusammengejocht hat, soll der Mensch nicht trennen.“ 



Die Bedeutung des griechischen Wortes

Das griechische Wort ist συζεύγνυμι, es kommt in Mt 19:6 und Mk 10:9 vor. In ihm steckt der Stamm ζυγός, was Joch bedeutet. Das Joch ist eine Vorrichtung, in dem Zugtiere zusammengespannt werden, um eine Last gemeinsam zu ziehen oder mit einem Pflug einen Acker zu bestellen. Ist die Ehe ein Leben unter dem Joch?

Orthodoxes Verständnis von Ehe

Zunächst einmal muss man sich die antike Gesellschaft vorstellen, in der die Kirche Fuss gefasst hat. Die Partnerwahl ist in der Regel von den Eltern bestimmt worden und die Liebe spielte als Voraussetzung normalerweise keine Rolle. Man erhoffte sich, dass sich Liebe im Laufe der Zeit entwickelt oder man(n) ausserhalb der Ehe eine findet. Für Christen war diese Möglichkeit tabu. Die romantische Vorstellung in der Reihenfolge verliebt, verlobt, verheiratet ist moderneren Datums.

Entscheidende Kriterien des Zusammenlebens waren Glaube, Gehorsam und Liebe. Dieses Verständnis ist immer noch aktuell. Was konkret darunter zu verstehen ist wird im fünften Kapitel des Epheserbriefs deutlich. Leider ist dieser Text heute in Verruf geraten. Er begründe die Unterdrückung der Frau, heisst es. Man kann ihn so verstehen wollen. Ich möchte das nicht diskutieren sondern hier einige Punkte erwähnen, die mit der Frage der richtigen Übersetzung unserer Textstelle zu tun haben. Die Entfaltung einer Ehetheologie ist in diesem Blog nicht möglich oder beabsichtigt.

Paulus spricht über die Ehe als ein Mysterium: Dieses Geheimnis ist gross, ich aber deute es auf Christus und die Gemeinde. (Eph 5:32) Paulus vergleicht das Verhältnis von Mann und Frau mit dem Verhältnis von Christus und der Gemeinde. Unter den Bedingungen des Alltags soll sich der Glaube bewähren. Unter den Bedingungen des Alltags soll jeder einzelne innerhalb der Ehe und das Ehepaar als solches Christi gehorsam sein und in die Nachfolge eintreten.

Dabei ziehen beide gemeinsam eine Last, wie jeweils der eine den anderen zieht. Der gläubige Ehepartner kann auch den ungläubigen Ehepartner mitziehen und im Laufe der Zeit heiligen. Das geschieht aber nur, wenn der Weg Christi gegangen wird, der Weg der Selbsthingabe und des Kreuzes. Ehe ist Vergnügen und Arbeit.

Liebe ist nach orthodoxer Auffassung Selbsthingabe an den Partner, der Frau an den Mann und des Mannes an die Frau. Das Beispiel für diese Selbsthingabe hat Christus gegeben. Sein Joch ist sanft und seine Last ist leicht. (Mt 11:30) Aus diesem Blickwinkel ist das sperrige Wort zusammenjochen zu verstehen. Dessen Bedeutung ist umfassender und tiefergehender als das übliche zusammengefügt oder verbunden.

 Die Krönung als Beginn einer Transformation

Nach orthodoxer Auffassung ist die Trauung eines der Mysterien oder „Sakramente“. Warum? Weil es um eine Transformation geht, die hier ihren Anfang nehmen soll. Die Ehe wird nicht gesegnet, wie Vr. Alexander Schmemann betont. Die Ehe ist wie alles in dieser Welt eine durch die Entscheidung der Vorväter entstellte Institution, die nicht gesegnet sondern wiederhergestellt werden muss. Der Gegenstand dieses Mysteriums ist nicht die Familie sondern die Liebe, wie sie Christus gelebt hat. Familienehre, Familienliebe kann zerstörerische Züge annehmen (vgl. Mt 10:36). Gründung einer Familie ist nicht Hauptzweck der Ehe, sondern die Transformation der Partnerschaft und der Ehepartner.

Welche Transformation?

Was für eine Transformation stattfinden soll wird in der Krönung symbolisiert. Mit der Eheschliessung beginnt ein kleines Königtum, das zum kommenden Königtum führen kann. Mit der Eheschliessung beginnt der Lauf des Ehepaares an dessen Ende der Empfang der Siegeskränze verheissen ist. Auf diesem Wege kann die Transformation von einem Leben ohne Christus zu einem Leben in Christus geschehen. Dabei winkt Freude, nicht Glück.
 „… indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“ (Hebr. 12:2)

Die liturgischen Texte helfen bei der Interpretation

Das Troparion im 7.Ton während der Krönung sagt: Heilige Märtyrer, die ihr schön gekämpft habt und gekrönt worden seid, legt Fürbitte ein beim Herrn, dass Erbarmen finden unsere Seelen. Ehre Dir, Christus Gott, Ruhm der Apostel, Frohlocken der Märtyrer, deren Verkündigung ist die wesenseine Dreiheit.

Und der Priester betet: Segne ihre Eingänge und Ausgänge, mehre mit Gütern ihr Leben, nimm ihre Kränze in Deinem Königtum an, und bewahre sie unbefleckt, tadellos und ohne Nachstellungen in die Ewigkeit der Ewigkeit.

Die Anrufung und die Erwähnung der Märtyrer bei der Trauung ist nicht frommes Beiwerk sondern wesentlicher Bestandteil der Liturgie. Im Alltag der Ehe soll sich das Christsein bewähren und die Liebe sich entwickeln, mit der Christus geliebt hat. Im Alltag der Ehe geschieht das Zeugnis von Kreuz und Auferstehung.

Daher ist das Bild vom Joch, unserer Meinung nach, ein passendes.

Kommet alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid, und ich will euch erquicken.
Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und demütig im
Herzen, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seelen; denn mein Joch ist milde, und
meine Last ist leicht. (Mt 11:29f.)

Redaktionssitzung vom 19.Oktober 2017: zusammenfügen

In der 42.Woche fand wieder eine Redaktionssitzung in Eiterfeld statt. Wir haben uns noch einmal mit συζεύγνυμι beschäftigt. In der Tat ist es so, dass das Wort συζεύγνυμι in der Zeit der Koine und wahrscheinlich schon früher nicht mehr im literalen Sinne verstanden wurde, sondern speziell für die eheliche Gemeinschaft als zusammenfügen zu übersetzen ist. Dies wird gestützt durch den kirchenslavischen Text, der das griechische Wort nicht als zusammenjochen verstanden hat.

Mk 10:9 heisst somit: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen.“ 

Die literale Bedeutung zusammenjochen kommt in den Anhang.

 

 

Wie möchten Sie diese Textstelle lesen? Zusammengefügt oder zusammengejocht? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

5 Antworten zu “Ist die Ehe ein Joch?”

  1. Wertens sagt:

    Das Joch ist ein starkes, unterschwellig wirkmächtiges Bild und trifft, m.E., ganz genau zu, dabei ist unerheblich, ob eine schwere Arbeit zu leisten ist. Wer sich mit Bildersprachen auskennt wird dies bestätigen. Ob das der heutige normale Durchschnittsmensch – und besonders der Westliche – annehmen will, bezweifle ich sehr. Einiges ist mir im Text viel zu theoretisch, warum bleiben wir nicht bei unseren Erfahrungen? Die Grenzen zur menschlichen Liebe und zur Göttlichen Liebe sind fließend. Wenn ich das Tor zur bedingungslosen, vorstellungsfreien und nicht-besitzergreifenden Liebe weit aufstoße, so erkenne ich, dass das Tor zur Göttlichen Liebe immer weit aufstand und steht.

  2. Priester Alexej Veselov sagt:

    Kann man das „zusammengejocht“ nicht als Fußnote belassen? Kaum ein Priester wird dieses Wort vor der Gemeinde vortragen. Es ist klumpig, unbekannt und man kann es sich nicht merken. Selbst im Kirchenslawischen heißt es сочета und nicht сопряги.

    • Karl Klimmeck sagt:

      Wenn wir konkordant übersetzen wollen, müssen wir es so belassen. Dann wird auch dem deutschsprachigen Leser die Verbindung zwischen Mt 19:6 und Mt 11:29 klar. Für ‚verbinden‘ gibt es im Griechischen noch ein anderes Wort. Das Kirchenslawische hat an dieser Stelle nicht wörtlich übersetzt, da haben Sie recht. Die englische Übersetzung des „Holy Apostles Convent“ in Buena Vista, Colorado ist m.W. die einzige, die mit ‚yoked together‘ übersetzt hat. Der Text wirkt sicherlich nicht so sperrig, wenn wir das in die Anmerkung verbannen. Aber er verliert damit an Tiefe, oder?

  3. Christian Weis sagt:

    Ich würde es bei „zusammenjochen „lassen. „Zusammenfügen“geht einem zwar leichter über die Lippen, allerdings fehlt diesem Wort der Tiefgang des ersten Begriffes.
    Außerdem soll sich der Leser oder Hörer des Wortes gerne mit der tieferen Bedeutung auch im Kontext mit anderen Bibelstellen ,wie zum Beispiel von ihnen erwähnt, auseinandersetzen. Ich verweise hier ebenfalls auf die von mir geschätzte Christianismos Bibel, die ebenfalls „zusammenjochen“verwendet. Übrigens ganz ohne Fußnote.

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