Lektionare – von Majuskeln zu Minuskeln

Die byzantinische Kirche entwickelte zwischen dem 8. und 11. Jh.(1) für ihre Bedürfnisse Kodizes, die die Lesungstexte für die entsprechenden Feiern enthalten. Ohne diese Textsammlungen war die Durchführung der Liturgie nur schwer möglich. Das erklärt den hohen Anteil von 40% Lektionaren unter allen gefundenen Handschriften mit neutestamentlichen Texten (2). C. R. Gregory und K. Aland haben die gefundenen Handschriften systematisiert und mit Siglen versehen (3). Es gibt Lektionare für alle Tage der Woche (e = ἑβδομάδες), für alle Tage der Woche zwischen Ostern und Pfingsten, sowie für die Samstage und Sonntage des restlichen Jahres (esk = έβδ + σαββατο – κυριακαί), für die Samstag und Sonntage (Sk = σαββατο – κυριακαί). Lesungen nur für den Sonntag (k = κυριακαί) und Lesungen für weitere spezielle Tage, (sel = ὲκλόγαι).
Die Lektionen werden den beiden Lesezyklen zugeordnet. Darum sind die Kodizes in der Regel zweigeteilt. Der eine Teil enthält die Lesungen für die beweglichen Feste, das Synaxerion, und der andere Teil, der für die unbeweglichen Feste, heißt Menologion (4). Bei Überschneidungen regelt das Typikon die Hierarchie der Feste.
Wie hat man sich in den Lektionaren zurecht gefunden, da es noch keine Kapitel- oder Verseinteilung gegeben hat?
Die Perikopen wurden abgegrenzt durch die Abkürzung ἀρχ für ἀρχή zu Beginn und τέλ für τέλος zum Ende der Lesung. Wurden Handschriften mit fortlaufendem Text benutzt, brauchte man zur Orientierung weitere Lesehilfen. Im Gebrauch waren die Angaben des Eusebianischen Kanons und die Tabelleneinteilung des Ammonian. Mithilfe dieser Systeme war es möglich, sich in den fortlaufenden Texten zurechtzufinden und auch Paralleltexte in den synoptischen Evangelien zu finden (5). Für die Lektionare waren die Tabelleneinteilungen ohne Bedeutung. Finden sich solche Lesehilfen trotzdem in Lektionaren, sind sie wahrscheinlich aus einer Vorlage hineinkopiert worden, die einen fortlaufenden Text darstellte und vielleicht auch für Lesungen vorgesehen war. Man kann sicher davon ausgehen, daß die Vorläufer solcher Lektionare Kodizes mit fortlaufenden Texten waren, die entsprechende Lesehilfen enthielten (6).

Lektionarshandschriften vor dem 8.Jh. gibt es nur wenige. Die Handschrift L 1043 aus dem 5.Jh. enthält Perikopen, aber keine Hinweise zu den Lesungen. So bleibt es offen, ob sie in der Liturgie benutzt wurde. Vor dem 5.Jh. hat es wohl noch kein ausdifferenziertes Lesungssystem in der byzantinischen Kirche gegeben. Johannes Chrysostomos ermahnte seine Zuhörer, die Lesung der Evangelien aufmerksam zu verfolgen. Dies läßt darauf schließen, daß die Lesung der langweilige Teil der Liturgie gewesen war, weil die Perikopen nicht wechselten (7).

Im Jahr 843 wurde der Bilderstreit endgültig beigelegt, und die byzantinische Kirche kam zur Ruhe. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Klöster gegründet, die auf eine Vielzahl von Lektionaren angewiesen waren, sowohl für den liturgischen Gebrauch wie auch für den privaten der Mönche und Nonnen (8). Die Erfindung der Minuskelschrift im 9. Jh. als eine leichter les- und schreibbare Schrift beschleunigte die Produktion neuer Lektionare. Führend in der Entwicklung der Schrift wie auch in der Produktion der Kodizes war das Studios-Kloster. Der älteste Beleg einer Minuskelhandschrift ist MS 461. Sie enthält die vier Evangelien und wurde im Jahr 835 kopiert (9). Neben neuen Produktionen aus der Vorlage fortlaufender Texte wurden die vorhandenen Majuskelhandschriften in Minuskeln umgeschrieben. Vom 11.Jh. an wurden die Majuskeln nicht mehr gebraucht und nicht mehr kopiert. Um die Technik der neuen Schrift zu lernen, mußten die Kopisten das Studios-Kloster aufsuchen oder die wenigen anderen Klöster, die diese Technik beherrschten. Geübt wurde an dem vorhandenen Quellenmaterial. Damit sind die Vorlagen dieser Klöster prägend geworden und haben den überlieferten byzantinischen Text vereinheitlicht.

Qualitätskontrolle im Kloster

Das Studios-Kloster legte großen Wert auf eine exakte Arbeitsweise. Korrekturen der Vorlage, das Schreiben von Passagen aus dem Kopf und überhaupt das Stören der Kopisten wurde bestraft. Die Minuskelhandschriften bilden damit in großer Treue fehlerfreie und fehlerhafte Majuskelhandschriften ab (10). Kopiert wurde für den gottesdienstlichen Gebrauch. Diese Ausgaben waren oft mit Ornamenten versehen und enthielten für den Vortrag in der Liturgie eine Notenschrift. Bei Manuskripten ohne Notenschrift kann man von einem privaten Gebrauch ausgehen (11). Eine Notiz von Maximos dem Mönch aus dem Kloster der Mutter Gottes bei Philadelphia, Kleinasien listet den Besitz an Evangeliaren im Jahr 1247 auf. Das Kloster besitzt ein Evangeliar für jeden Tag mit Buchmalerei, zwei ohne Ornamente, eines mit den Lesungen für die Sonntage und eines mit Auswahltexten des Johannesevangeliums (12). Man kann sicher davon ausgehen, daß die einfacheren Ausgaben für das private Studium ausgeliehen wurden.


1 Vor dem 8.Jh. finden sich griechische-koptische und griechisch-arabische Kodizes, die aber nicht byzantinische Perikopensysteme enthalten. Cf. C. R. D. Jordan, The textual tradition of the Gospel of John in greek gospel lectionaries from the middle byzantine period (diss., University of Birmingham, 2009), 11. [im folgenden: Jordan, Textual tradition].
2 C. D. Osburn, “Greek Lectionaries of the New Testament,” in The Text of the New Testament in Contemporary Research, ed. B. D. Ehrmann and M. W. Holmes (Leiden: Brill, 2012), 93 – 113, 94.
3 Weitere Informationen und eine Liste finden sich bei Royè, Cohesion, 33ff.
4 Royè, Cohesion, 55ff.
5 Eine Übersicht über die Lesehilfen bei B. M. Metzger and B. D. Ehrman, The Text of the New Testament, 4th ed., (Oxford: Oxford University Press, 2005), 33ff. [im folgendeņ: Metzger and Ehrman, New Testament].
6 Jordan, Textual tradition, 320.
7 Jordan, Textual tradition, 14.
8 Jordan, Textual tradition, 75–76.
9 Metzger and Ehrman, New Testament, 92.
10 Jordan, Textual tradition, 119.
11 Jordan, Textual tradition, 89.
12 Jordan, Textual tradition, 105.

Eine Antwort zu “Lektionare – von Majuskeln zu Minuskeln”

  1. Christian Weis sagt:

    Sehr informativ. Danke

Kommentar

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