Liturgische Sprache und lebendige Tradition (2)

Fortsetzung von Teil 1

Sr. S. :
Die Väter, Meister der griechischen Sprache, benutzten die Struktur der Sprache und alle Formen poetisch rhetorischer Hinweise um Betonung, Bedeutung und Schönheit in ihre Werke einzufangen. Sie waren geübte Rhetoriker. Viel von dieser Schönheit, Bedeutung und Präzision geht in der Übersetzung einfach verloren. Eine Übersetzung kann ihre eigene Schönheit haben, aber sie kann nie dem Original entsprechen.

RTE:

Ein Beispiel wäre das Wort ‚nous‘, welches gewöhnlich als ‚mind‘ [Geist, Verstand] übersetzt wird, aber es ist eigentlich viel mehr. Als Metropolit Kallistos Ware 2002 über die Übersetzung von ‚nous‘ in einem Interview mit ‚Road to Emmaus‘ gefragt wurde, sagte er: „Wenn man einfach ‚mind‘ sagt, dann ist das viel zu unbestimmt. In unserer Übersetzung der Philokalie haben wir uns entschieden – mit einigem Zögern – das Wort mit ‚intellekt‘ zu übersetzen, um hervorzuheben, das es nicht in erster Linie die vernünftige Fähigkeit meint. ‚Nous‘ ist das geistliche Sehvermögen, das wir alle besitzen, obwohl es viele von uns nicht entdeckt haben. ‚Nous‘ bedeutet eine dichtes, intuitives Erkennen von Wahrheit. Wir verstehen Wahrheit nicht einfach als die Schlussfolgerung eines durchdachten Arguments, sondern wir erkennen, das etwas einfach so ist.“ ‚Nous‘ ist viel komplexer, als nur mit ‚mind‘ übersetzt zu werden.

Sr.S.
Im Griechischen gibt es viele Wörter für ‚lieben‘, während wir im Englischen nur ‚love‘, ‚liking‘, ‚affection‘ haben, was tatsächlich die vielen verschiedenen Arten von Liebe nicht voneinander unterscheiden kann, wie es die griechischen Wörter tun.

RTE:
Ja, ich las kürzlich ein Buch, das aus dem Griechischen übersetzt war, in dem ein bekannter griechischer Altvater darüber spricht, Gott mit einer ‚erotischen‘ Liebe (eros) zu lieben, was manchmal überraschend ist für nicht griechisch sprechende , da erotisch im modernen Englisch so vollkommen verbunden ist mit der Vorstellung von sexueller Begierde. Wir haben die Bedeutung des gehobenen griechischen Ausdrucks verloren, der bedeuten kann, eine Liebe zu haben für jemanden, den man mehr liebt als einen Freund. Ich verstehe, das dies auch romantische Liebe einschliessen kann; aber es kann auch nur bedeuten, die Schönheit im Inneren der anderen Person anzuerkennen. Plato sagt auch, der Eros hilft der Seele das Wissen um die Schönheit zu erinnern und trägt dazu bei, geistliche Wahrheit zu verstehen. …
Ein anderes Beispiel, das eine umfangreiche Bedeutung zu haben scheint, ist das griechische Wort ‚logismos‘, welches gewöhnlich in englischen geistlichen Texten als ‚ein Gedanke‘ übersetzt wird. Ich habe kürzlich erfahren, dass die wirkliche Bedeutung viel weiter gefasst ist.

Sr.S.:
Ja, ‚thought‘ ist das einzige Wort im Englischen, das annähernd dem entspricht. Wir haben kein Wort, das die ganze Bedeutung von logismos vermittelt. Wie es in geistlichen und asketischen Schriften verwendet wird ist es nicht einfach ein Gedanke, der einem kommt, sondern ein Gedanke von besonderer Intensität und Kraft, besonders einer, der dich ablenken und scheitern lassen kann auf dem geistlichen Weg. Es ist nicht etwa in dem Sinne wie: „Oh, die Bäume wechseln die Farbe, es ist Herbst und bald werden die Blätter fallen.“ Das ist ‚skepsis‘ – ein einfacher Gedanke, weder gut noch schlecht. ‚Logismos‘ ist etwas wie das: „ Oh, XY sollte die Blätter zusammensuchen und er hat es nicht gemacht. Nun, wie soll ich jetzt damit umgehen, wie soll ich mit ihm darüber sprechen? Liegt es an mir, das zu tun? Er macht nie, was er machen soll.“
Ein ‚logismos‘ ist nicht nur negativ, es kann auch ein positiver oder scheinbar positiver Gedanke sein, aber es ist ein Gedanke mit Konsequenzen für dein spirituelles Leben, und du musst wissen, wie du mit ihm in der richtigen Weise umzugehen hast.

RTE:
Haben ‚Logismoi‘ immer dämonische oder engelhafte Mächte hinter sich, zum Guten oder Schlechten?

Sr.S:
Sie können das eine wie auch das andere haben. Ein ‚Logismos‘ kann von unserer Vorliebe kommen, unserem eigenen inneren Selbst, oder er kann von aussen kommen. Altvater Paisios vom Heiligen Berg hat sich gründlich mit der Frage der ‚Logismoi‘ beschäftigt und der Wichtigkeit einer negativen Situation mit einem guten ‚logismos‘ zu begegnen. Natürlich ist das nicht das Höchste, sagte er. Das Höchste ist keine ‚Logismoi‘ zu haben und in Gott zentriert zu sein.

Er gab ein Beispiel: Eines Tages kam ein Mann zu ihm, der schrecklich aufgebracht war, da er dieses schöne Haus in der Vorstadt besass, wo seine Familie glücklich war und seine Kinder in einem ruhigen Hof spielen konnten. Dann kamen Leute, die ein Partyzentrum direkt nebenan bauten und dann gab es Musik, Lärm und Party Tag und Nacht. Er sagte: „Altvater, ich werde verrückt, ich nehme Beruhigungsmittel, meine ganze Familie geht in die Brüche. Wir sind nervöse Wracks, wir schreien die ganze Zeit einander an. Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Was soll ich tun?“
Fr. Paisios sagte: „ Das einzige, was du tun kannst ist ‚na valeikalo logismo – gute Gedanken zu bekommen‘. Stell dir vor, du bist im Krieg und der Lärm um dich herum sind Panzer und Schiesserei und Bomben. Und dann sieh deine Situation an, wie sie jetzt ist. Nicht nur gibt es Frieden, du bist auch nicht in Gefahr, du wirst nicht aus dem Haus geworfen und sogar die Leute um dich herum sind so glücklich, dass sie nebenan Parties feiern können.“
Viele Leute würden diese Antwort abgetan haben, aber jener Mann nahm sie ernst, bildete sich gute Gedanken über die Leute, die er sah und den Lärm, den er hörte. Er kehrte später zu Altvater Paisios zurück und sagte, „obwohl ich es vorziehe an einem ruhigen Ort zu wohnen, bin ich nicht länger ein nervöses Wrack. Meiner Familie geht es besser, ich kann damit leben.“

(Fortsetzung folgt)

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