Liturgische Sprache und lebendige Tradition (3)

Muss die liturgische Sprache verschieden sein von der Alltagssprache? Gibt es so etwas wie Heilige Sprachen und welche Bedeutung haben diese zur Bibelübersetzung in die Gegenwartssprache. Über diese Fragen haben sich in einem Gespräch Sr.S., eine orthodoxe Nonne und erfahrene Übersetzerin aus dem Griechischen ins Englische und ein Journalist der Zeitschrift „Road to Emmaus“ (RTE) unterhalten. Das vollständige Interview finden Sie auf Englisch mit allen Anmerkungen in „Road to Emmaus, Vol. XI, No.3“. Wir bringen Auszüge in eigener Übertragung ins Deutsche. Hier der dritte und letzte Teil.
Zum ersten Teil.
Zum zweiten Teil.

 

Den Worten auf den Grund gehen

Sr.S.:
Wenn man weiss, woher ein Wort kommt, hilft es die Bedeutung des Wortes zu verstehen. … Nehmen wir ein sehr einfaches Wort im Englischen wie „sin = Sünde“. Und wir denken, dass wir wissen, was das Wort bedeutet: Eine Überschreitung von Gottes Gesetz. Das griechische Wort „amartia“ meint eigentlich „ das Ziel verfehlen“. Das hilft zu verstehen, was die Väter gemeint haben, wenn sie das Wort benutzten. … Heute haben viele Menschen eine Abneigung gegen ein Wort wie „Sünde“, weil es für sie ein gesetzlicher Ausdruck ist, der gebraucht wird, um ihn Leuten um die Ohren zu schlagen. Im Kern bedeutet dieses Wort: Dein Ziel ist die Einheit mit Gott und alles, was dich von diesem Ziel abbringt ist eine Sünde. Wenn man das versteht, bekommt man ein viel tieferes Verständnis für unsere Beziehung mit Gott.

Ein anderes Wort auf das Leute reagieren ist das Wort „Häresie“ – besonders im Westen, wo man sofort an Häretiker denkt, die man an Pfählen gestellt und verbrannt hat – wie das in einigen Teilen Europas geschehen ist. Die Väter haben gerade nicht das Wort „Häresie“ gebraucht um bestimmte Irrtümer der Lehre zu bezeichnen, die einen dann auf den Scheiterhaufen bringen. Die Wurzel des Wortes ist das griechische Verb „haireo“, das ein breites Spektrum von Bedeutungen hat. Aber eines dieser Bedeutungen ist „seine eigene Vorstellung auswählen“. Das Verb hat keine negative Bedeutung, es ist neutral. Es bedeutet in unserem Kontext, man wählt seine eigenen Vorstellungen anstelle der Auffassung der Kirche. …

Die Heiligen Kyrill und Methodios übersetzten das Griechische in das Slawische ihrer Zeit, passten es für verschiedene Dialekte an und entwickelten das glagolytische Alphabet, weil das Slawische keine geschriebene Sprache war. Später wurde dieses Alphabet von ihren Schülern weiterentwickelt, besonders vom Hl. Kliment in Bulgarien zu dem, was wir als das Kirchenslawische kennen.
Mein Verständnis ist, dass das Kirchenslawische, das in den Evangelien und den Gottesdiensten gebraucht wird, eine sehr wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen ist, wo man neue Wörter gebildet hat, denen die griechischen Wörter entsprechen sollten. Es war so genau, wie die Übersetzer es bilden konnten. Moderne Russisch sprechende, die nicht Kirchenslawisch studiert haben, mögen nur einen Teil in der Liturgie verstehen, dennoch möchten die meisten orthodoxen Christen in jenen Ländern den Reichtum der kirchenslawischen Tradition nicht für eine notwendigerweise geringerwertige moderne russische Übersetzung hinauswerfen.

Neubildung durch Zusammensetzen von Wurzeln

RTE:

Kyrill und Method haben existierende slawische Wurzeln zusammengefügt um griechische Begriffe abzubilden. Ein Ergebnis dieser Wurzelzusammenstellung ist das griechische Wort „Orthodox“ das aus „richtig“ und „Verehrung“ gebildet ist. Im Slawischen wurde daraus „Pravoslavie“, zusammengesetzt aus „pravo“ = „richtig“ und „slavie“= „Verehrung“. Es gibt Entsprechungen für andere Kunstworte. Z.B. wenn man die zwei Naturen Christi ausdrücken will und vom „Gottmenschen“ spricht, im Russischen „Bogochelovechestvo“, oder wenn man das griechische Wort für „menschenliebender“ mit „Chelovekolyubets“ wiedergibt. In dem man Wurzeln benutzt, die in der Sprache existieren, kann man Begriffe, Gedanken und Konzepte einführen, die bisher völlig unbekannt waren. …

Sr.S.:

Das Kirchenslawische hat eine Unmittelbarkeit, indem es vertraute Wurzeln braucht. Und es transportiert die griechische Bedeutung präziser und prägnanter, wo das Englische oft ganze Phrasen oder Sätze braucht. …

RTE:

Interessanterweise versuchen die chinesischen Übersetzer orthodoxer Bücher und liturgischer Texte das Gleiche zu unternehmen wie die Heiligen Kyrill und Methodios. Sie schaffen neue Worte und Zeichen, um die volle theologische Bedeutung des griechischen und slawischen Originals zu transportieren.

Sr.S.:

Ich glaube, dass wir Konvertiten ein wenig demütig sein sollten gegenüber den Kulturen, die uns die Orthodoxie gebracht haben – dankbar und demütig … manchmal lesen wir ein paar Bücher und ein bisschen Kirchengeschichte und denken „ok, das ist es“. Demut und Dankbarkeit gegenüber diesen Kulturen – so wird sich wirkliche orthodoxe Weltsicht entwickeln.

Der ganze Aufsatz im Original und weitere Beiträge zu diesem Thema finden sich in der Ausgabe Road to Emmaus, Vol XI, No 3 (42)

Kommentar

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