Liturgische Sprache und lebendige Tradition (1)

Muss die liturgische Sprache verschieden sein von der Alltagssprache? Gibt es so etwas wie Heilige Sprachen und welche Bedeutung haben diese zur Bibelübersetzung in die Gegenwartssprache. Über diese Fragen haben sich in einem Gespräch Sr.S. , eine orthodoxe Nonne und erfahrene Übersetzerin aus dem Griechischen ins Englische und ein Journalist der Zeitschrift „Road to Emmaus“ (RTE) unterhalten. Das vollständige Interview finden Sie auf Englisch mit allen Anmerkungen in „Road to Emmaus, Vol. XI, No.3“. Wir bringen Auszüge in eigener Übertragung ins Deutsche.

RTE:
Sr. S., ich möchte mit einem Zitat eines Gespräches aus „Gift of the Desert“ beginnen zwischen dem Autor, Dr. Kyriakos Markides und dem zypriotischen Abt, Vr. Maximos (jetzt Metropolit Athanasios v. Limassol, Zypern):

Vr. Maximos: „Wir müssen es vermeiden, uns an Gott in einer oberflächlichen beiläufigen Weise zu wenden. Aus diesem Grund ging Altvater Sophrony so weit zu sagen, die Sprache, die wir im Gebet brauchen, müsse verschieden sein von der gewöhnlichen Sprache, die wir jeden Tag benutzen. Darum bestand er darauf , dass die Sprache der Liturgie nicht übersetzt werden sollte in die Alltagssprache.“ „Viele Leute würden dieser Vorstellung heftig widersprechen,“ führte ich aus, „sie verlangen, dass die Gottesdienste in der normalen gesprochenen Sprache vollzogen werden, so dass die Leute verstehen können, was gesagt wird. Warum vertrat Altvater Sophrony eine solche Meinung?“

„Altvater Sophrony behauptete, wenn wir die Liturgie in der Alltagssprache vollziehen, verflachen wir den Grad der Kommunikation mit Gott.“

„Wie kann das sein?“ fragte ich.

„Er glaubte, dass die gewöhnliche Sprache Deutungen und Bilder unserer täglichen Wirklichkeit transportieren, denen gewöhnlich das Element der Heiligkeit und Reinheit fehlt. Auf der anderen Seite, wenn wir uns an Gott wenden in einer Sprache, wie sie exklusiv innerhalb der Grenzen der Kirche benutzt wurde, rufen genau diese Worte heilige Empfindungen wach und Bilder, die die Kommunikation mit Gott erleichtern. Eine spezielle Sprache, die präzise und exklusive Bedeutungen anbieten kann, wird automatisch als die Sprache der Kirche erfahren. Sie trägt grössere geistliche Kraft.“

Das ist eine erstaunliche Aussage in einer Zeit, in der Gemeinden im Westen, die zunehmend aus Konvertiten bestehen, eifrig alles in die gegenwärtigen Sprachen übersetzen. Natürlich ist der Wunsch, die Gottesdienste in der Muttersprache zu hören, verständlich und notwendig, aber unterschätzt die Wichtigkeit der ersten Kirchensprachen wie Griechisch, Lateinisch, Kirchenslawisch, Georgisch, Syrisch, Arabisch und vielleicht noch Koptisch und Ge‘ez, und endet oft darin, diese nicht zu beachten, oder sogar in einer Art Verachtung der lebendigen Tradition und der Ur-Sprache. Ich selbst spreche kein Griechisch, aber mir wurde gesagt, das ein einzelnes Wort in Griechisch of ganz verschiedene Bedeutungen hat, aber wenn es übersetzt ist, geht der Reichtum der Bedeutungen meistens verloren. Ist das so?

Sr.S.:
Ja, dieses ereignet sich immer wieder. Derjenige, der die Gottesdienste und theologischen Bücher im Griechisch der Kirchenväter liest, erhält viel mehr von ihnen, als eine einfache Übersetzung ins Französische, Deutsche oder Englische bereit stellt. Im Griechischen haben diese Worte und Begriffe eine lange kulturelle Geschichte und theologische Bedeutungen, die durch grosse Heilige und Theologen herausgearbeitet wurden. Sie haben eine Präzisierung, eine Tiefe und eine Breite des Kontextes, die es fast unmöglich macht, alles in eine andere Sprache einzufangen. Wahrscheinlich kommt das Kirchenslawische dem noch am nächsten, da die Russen, die Serben und Bulgaren Jahrhunderte gelebter Orthodoxie kennen, die die Worte mit Bedeutung füllen. Aber sogar das Kirchenslawische ist manchmal arm im Vergleich zum Griechischen. Es fehlen die Artikel, so sind die Worte nicht so klar definiert wie im Griechischen. Zählt man beides, die alten und modernen Versionen, hat das Griechische einen immensen Wortschatz, ein mehrfaches des englischen Wortschatzes. Ein Beispiel: In meiner begrenzten Erfahrung der Übersetzung aus dem modernen Griechischen ins Englische habe ich oft das Problem, Worte zu übersetzen, die mit Licht zu tun haben. Das Griechische hat viele Begriffe für das, was Licht tut, während wir im Englischen nur einige wenige haben, die für den kirchlichen Kontext geeignet sind, wie ‚scheinen‘, ‚ausstrahlen‘, oder ‚schimmern‘. ‚Blitzen‘, ‚glitzern‘, ‚funkeln‘ und so weiter sind zu gewöhnlich oder flach, aber im Griechischen gibt es eine ganze Reihe von Vokabeln um über Licht zu sprechen und über die Weise, in der Licht erscheint – aber wenn man es ins Englische übersetzt, tönt es oft flach oder die gleichen Worte wiederholen sich zu häufig.

Das ist ein sehr einfaches Beispiel, aber wenn Sie versuchen, theologische Begriffe zu übersetzen, ist es weit aus schwieriger. Diese Worte haben eine Geschichte. Sie sind benutzt worden von den Kirchenvätern, um spezielle Dinge innerhalb eines ganz bestimmten orthodoxen theologisch-spirituellen Zusammenhangs zu bezeichnen. Wenn sie diese ins Englische übersetzen, bekommen die Worte einen davon verschiedenen Kontext. In einer Sprache hat ein Wort ein bestimmtes Bedeutungsfeld, während in einer anderen das entsprechende Wort nur einen Teil des Bedeutungsfeldes abzudecken vermag, Es wird nie genau das gleiche sein. Es bekommt einen anderen Widerhall und eine andere Konnotation. … Dazu kommt noch, dass theologische Begriffe im Englischen oft durch jahrhundertealten Gebrauch in einem römisch-katholischen oder protestantischem Kontext verdunkelt sind.

Beitragsbild: Johan Mouchet
(wird fortgesetzt)

Was denken Sie über Deutsch als Liturgiesprache?

2 Antworten zu “Liturgische Sprache und lebendige Tradition (1)”

  1. Michaela Köcher sagt:

    Grüss Gott,
    ich würde es sehr befürworten.
    Ich bin rumänisch ortodox,
    habe aber einen deutschen Ehemann
    der sich vor paar Jahren ortodox taufen hat lassen. Wir haben gemeinsam 2 Kinder die sehr wenig rumänisch können.
    Deshalb würde es uns sehr freuen wenn es die Liturgie in der deutschen Sprache geben würde.

    Grüsse Michaela Köcher

    • Karl Klimmeck sagt:

      Grüss Gott, Frau Köcher. Die Liturgiekommission der Orthodoxen Bischöfe in Deutschland hat die Göttliche Liturgie bereits auf Deutsch übersetzt und herausgegeben. Und manche Gemeinden feiern eine Liturgie in deutscher Sprache einmal im Monat oder öfter.

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