Schrift und Liturgie

Die Quelle der Übersetzung „Byzantinischer Text Deutsch“ ist der Mehrheitstext oder die Byzantinische Textform. Das unterscheidet unsere Übersetzung grundlegend von den anderen zeitgenössischen Übersetzungen.Allerdings nehmen wir nicht als Grundlage die 2005 veröffentlichte Textedition des Byzantinischen Textes von Robinson und Pierpont. Wer etwas über diese Ausgabe erfahren möchte kann ein Interview lesen mit Prof. Dr. Maurice Robinson, allerdings in englischer Sprache.

Unsere Quelle ist die Ausgabe von Prof. Dr. Basilios Antoniades, die er im Auftrag des Ökumenischen Patriarchates 1904 erstellt hat. Auch hier liegt die Byzantinische Textform zugrunde. Im Unterschied zu Robinson und Pierpont berücksichtigt Antoniades hauptsächlich Lektionare vom Berg Athos, aus Konstantinopel oder Jerusalem. Diese Ausgabe gilt als der offizielle Urtext der griechischen Kirche.

Lektionare werden in der Liturgie, im Gottesdienst verwendet. Warum wir diese Quellen für unsere Übersetzung verwenden, werde ich in den kommenden Zeilen erläutern.

Die Textkritische Forschung, auf der Suche nach dem „Urevangelium“, hat die historische Frage in das Zentrum ihrer Bemühungen gestellt. Aus den ältesten greifbaren Schriftzeugnissen erstellte sie einen neuen Text, der nach ihren Kriterien dem Urtext nahe kommen soll, der aber in dieser Zusammenstellung als Handschrift nicht vorhanden ist. Dieser eklektische (ausgewählt zusammengestellte) Text ist in keinem Gottesdienst der christlichen Kirche seit ihrer Entstehung so (in Griechisch) gelesen worden. Für Kirchen, in denen die Schrift über der Tradition steht (sola scriptura) ist dies kein Problem. Eher im Gegenteil: Richte ich mein kirchliches Leben alleine an der Schrift aus, benötige ich einen möglichst genauen und historisch zuverlässigen Urtext. Dieser Weg ist für unsere Bibelübersetzung nicht gangbar, denn mehr noch als die historischen Fragen spielt der gelebte Glaube in der Orthodoxen Kirche eine Rolle, der nicht die Schrift korrigiert, sondern sich in der Schrift bezeugt. Allerdings nicht im eklektisch gewonnenen Text, sondern im „praktizierten“ Text, dem Text der Mehrheit der Textzeugen und im besonderen Masse im Text, der in der Liturgie verwendet wird. Dort werden wir für unsere Übersetzung die Quelle finden müssen.

Der gelebte Glaube ist das Leben in und mit Christus. Die engste Gemeinschaft wird in der Kommunion erfahren, und die, die mit Ihm Gemeinschaft haben, bilden Seinen Leib, die Kirche. Sie bezeugen Christus als Herrn, und das kann niemand außer im Hl. Geist (1Kor 12:3). Die Liturgie ist ein pneumatologisches (geistgewirktes) Geschehen. Der Bibeltext ist das schriftliche Zeugnis vom Leben des Christus und vom Leben in Christus. Er ist damit inspirierter Text und Teil des pneumatologischen Geschehens. Er ist Teil der Tradition, die nach Lossky das Leben des Hl.Geistes in der Kirche ist. Deswegen kann der Bibeltext nicht über der Tradition stehen wie in den protestantischen Kirchen, noch kann er neben der Tradition stehen, wie in der römischen Kirche. Weil der Text Zeugnis gibt von Christus – und das gilt für die ganze Bibel, auch das AT muß christologisch gelesen werden – und da das nur im Hl. Geist geschehen kann, kann auch das Verstehen und Verkündigen nur im Hl. Geist gelingen. Der inspirierte Text fordert einen inspirierten Leser oder Interpreten. Die private Lektüre der Bibel ist möglich. Sie wird geschätzt und gefordert, wie es Johannes Chrysostomos mehrfach betonte, aber der eigentliche Ort der Schriftlesung ist die Liturgie, die Versammlung der Gläubigen, der Leib Christi. In ihr geschieht, was die Emmaus-Jünger erlebten. Auf dem Weg nach Emmaus weist Jesus zwei Jünger auf die christologischen Bezüge in den Schriften hin, und beim Brotbrechen erkennen sie die Gegenwart des Auferstandenen, der sie schon vorher begleitet hatte. Die Schriften sind also nicht aus sich heraus verstehbar, sie müssen gedeutet werden, und dies geschieht nicht nur durch verbale Interpretation, es geschieht gerade auch durch die Handlung des Brotbrechens, die Teilnahme an der Kommunion. Die Liturgie ist also die Quelle religiöser Erfahrung und der Interpretation der Schrift.

Im Zusammenhang mit der Liturgie ist noch ein weiterer Punkt wichtig, den die Kirche aus dem Judentum übernommen hat. Die Schrift ist erst als laut (!) Gelesene kanonisch. Um das Hören, aber auch das Lesen zu erleichtern, sind den Texten Sprechmelodien zugeordnet, und in vielen Handschriften wird eine Notenschrift mitüberliefert.

In der Feier der Liturgie werden die Gläubigen geheiligt, ihre Sünden werden vergeben und sie erben das Königtum der Himmel, schreibt Nicholas Kabasilas im 14. Jh. in seinem Liturgiekommentar. Die Abschnitte der Hl.Schrift, die wir hören, wecken Gottesfurcht in uns und große Liebe zu Ihm. Dadurch werden wir ermutigt, mit großem Eifer und Entschlossenheit seine Gebote zu halten. Die Hl. Schriften heiligen die, welche sie lesen oder singen, schreibt er.

So wird es je nach Verständnis der Schrift und des Gottesdienstes die eine oder andere Bibelausgabe brauchen. Welche Ausgabe wäre für Sie wichtig? Die historisch eklektische Ausgabe oder die gottesdienstliche Ausgabe der Lektionare seit der Frühzeit der Kirche? Schreiben Sie Ihre Bemerkungen und Gedanken. Wir freuen uns darauf.

Eine Antwort zu “Schrift und Liturgie”

  1. Theocharitsa sagt:

    Beide Ausgaben sind ok. Meistens verstehe ich die ganze Liturgie nicht im griechisch orthodoxen Gottesdienst, da sie auf byzantinisch gesungen und rezitiert wird. Dies ist sehr schade…weil erst das Verstehen des Wortes Gottes Ehrfurcht und Liebe im Herzen kreiert.

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